sesink.de

Entwicklungsorientierte Bildungsforschung

Plädoyer für einen dritten Weg der Forschung

Unter dem Titel „Entwicklungsorientierte Bildungsforschung“ haben Gabi Reinmann und ich vor einigen Jahren begonnen, gemeinsam ein uns verbindendes Anliegen zu verfolgen: Wir plädieren für einen „dritten Weg der Forschung“ im disziplinären Feld der Bildungswissenschaften (Pädagogik, Erziehungswissenschaft) jenseits der Polarität von Hermeneutik und Empirie.

Interessant ist: Unsere wissenschaftlichen Biographien haben ihren Ausgang von eben jenen Polen genommen. Gabi Reinmanns wissenschaftliche Herkunft ist von empirisch ausgerichteter Pädagogischer Psychologie geprägt. Ich selbst habe meinen Zugang zur Bildungswissenschaft über eine stark philosophisch-hermeneutisch und sozialwissenschaftlich verankerte Bildungstheorie gefunden. Beide haben wir im Laufe der Zeit jedoch zunehmend die jeweilige Beschränktheit dieser Forschungsorientierungen erfahren und das Bedürfnis entwickelt, uns aus ihren Grenzen hinauszubewegen.

Wir verstehen Wissenschaft als ein Feld mit offenem Horizont. Was forschungsmethodisch geboten, zulässig oder erlaubt ist, muss der wissenschaftlichen Einbildungskraft zur permanenten Weiterentwicklung anvertraut bleiben und darf nicht normativ festgeschrieben werden.

Wir wissen, dass gerade in unserer Disziplin die Unzufriedenheit mit der aktuellen Dominanz des empiristischen Forschungsparadigmas groß ist. Vermisst wird eine originär bildungswissenschaftliche Forschungsmethodik, die sich nicht über die Erfüllung von Kriterien definiert, welche aus anderen Wissenschaftsbereichen an unsere Disziplin herangetragen werden, sondern darüber legitimiert, dass sie dem für unsere Disziplin spezifischen Gegenstandsbereich und der Aufgabe gerecht wird, die Wissenschaft für diesen Gegenstandsbereich hat.

Gegenstand und Aufgabe werden unseres Erachtens am besten durch den Begriff der Entwicklung bezeichnet: Menschen sollen eine Entwicklung durchlaufen können, deren Qualität traditionell durch den pädagogischen Bildungsbegriff charakterisiert wird. Solche Entwicklung zu ermöglichen, zu begleiten und zu unterstützen, ist die Aufgabe pädagogischer Praxis. So ist Entwicklung doppelt bestimmt: Als Prozess der Bildung bezeichnet sie ein autonomes Geschehen, dem die sich bildenden Menschen ihre je eigene Bestimmung selbst geben (Menschen entwickeln sich); als pädagogische Aufgabe verweist sie auf eine Tätigkeit, durch die pädagogische Praktiker dazu beitragen sollen, dass Bildung möglich wird (Pädagog/innen entwickeln hierfür Mittel und Wege). Entwicklungsgeschehen und Entwicklungstätigkeit stellen demnach zwei aufeinander bezogene Dimensionen pädagogischer Praxis dar.

 

Unsere vorläufigen Überlegungen zu einer entwicklungsorientierten Bildungsforschung haben wir in einem Vortrag auf der Herbsttagung 2011 der Sektion Medienpädagogik in Leipzig vorstellen können. Der Text dazu findet sich im Jahrbuch Medienpädagogik 10: Methodologie und Methoden medienpädagogischer Forschung. Wiesbaden: VS-Verlag, 2013. 75ff.

Gabi Reinmann und ich hatten uns ursprünglich eine gemeinsame wissenschaftliche Veröffentlichung zu diesem Thema vorgenommen. Wir haben uns aber schließlich eingestehen müssen, dass wir dieses Vorhaben aus Gründen, die in unseren jeweiligen Lebens- und Arbeitsbedingungen liegen, wohl kaum in absehbarer Zeit zum Abschluss bringen können. Deshalb haben wir uns entschlossen, das Thema arbeitspraktisch getrennt, dennoch im wissenschaftlichen Kontakt miteinander weiter zu verfolgen. Gabi Reinmann hat im Januar 2015 einen Reader mit eigenen Texten online gestellt, die sich dem Ansatz einer entwicklungsorientierten Bildungsforschung zuordnen lassen. Ich mache hier meinerseits eine Sammlung von Texten zugänglich, die für die ursprünglich geplante Publikation zu diesem Thema konzipiert waren. Einige von ihnen haben wir kooperativ erstellt; in diesen Fällen ist Gabi Reinmann als Ko-Autorin angegeben.

Ich arbeite weiter an diesem Thema und habe daher vor, diese Textsammlung zu gegebener Zeit zu aktualisieren.

Hier geht es zur Textsammlung und einer Inhaltsübersicht.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.